Belemniten-Schlachtfeld

Im Jahr 2018 haben der Diplom-Geologe Dr. Wolfgang Riegraf und die Priv.-Doz. Dr. Cornelia Schmitt-Riegraf den sogenannten "Kotzbrocken" im Museum Zurholt untersucht. Ziel war die Bestimmung des Gesteins mit seiner Fossilienvielfalt. Die Ergebnisse wurden von Dr. Wolfgang Riegraf in einem ausführlichen Artikel (Download-Link unten) und einer Kurzfassung dem Museum Zurholt zur Verfügung gestellt. An dieser Stelle präsentieren wir die redaktionell unwesentlich veränderte Kurzfassung. Wir bedanken uns für die fachkompetente, großzügige Hilfe und Zusammenarbeit.

 

Belemniten-Schlachtfeld (Englisch: Belemnite battlefield), Fundort AltenbergeAbb.: "Belemniten-Schlachtfeld" (Englisch: Belemnite battlefield) mit mindestens 500 Belemniten-Rostren, Foto: Dr. Cornelia Schmitt-Riegraf, Fundort Altenberge, Bild öffnen

 

 

Ursprung
Fossiler Tiefseeboden (250-500 m Tiefe)

 

Stratigrafische Einordnung
Unter-Campanium, obere Quadrata-Zone, Ahlen-Formation, „Baculitenschichten/-mergel“, Altenberger Stein, Altenberge.

Weltweit geradezu einmalige Anreicherung von Belemniten-Rostren
Dieser Fund stellt eine weltweit geradezu einmalige Anreicherung von etwa 500 Belemniten-Rostren („Donnerkeile“) im „Altenberger Stein“ als Ausfüllung eines Kolkes am Meeresboden in etwa 250-500 m Wassertiefe dar. Zu sehen ist die Unterseite der Platte mit ca. 0,5 m3 (128 x 90 x 45 cm), rund 1000 kg schwer, etwa 80 Mill. Jahre alt. 1997 barg es der Amateursammler EUGEN ZURHOLT aus einer Baugrube im Altenberger Höhenrücken (GPS Koordinaten 52.0380877, 7.4662815). Auf der Welt ist ein derartiger Fund kein zweites Mal vorhanden.

Fossilinhalt
Fast nur Belemnitella praecursor praecursor STOLLEY, je eine Gonioteuthis quadrata quadrata (DEFRANCE, in DE BLAINVILLE) und eine Gonioteuthis quadrata gracilis (STOLLEY), Muscheln (Spondylus, Pectiniden), Haizähnchen, Platten von Rankenfüßlern (Cirripedier), Tetraserpula, Seeigel (Phymosoma sp.) und Seestern-Asseln (Nymphaster studlandensis). Diese artenarme Fauna ist typisch für große Wassertiefen auf dem Außenschelf oder in der Tiefsee.

 

Fremdgerölle
Ein kleines Feuersteingeröll aus dem Emsland, etliche dunkle Phosphorite mit Schwammnadeln und Radiolarien, teils ehemalige fossile Magensteine unbekannter Meeresreptilien, aus dem nordwestlichen Münsterland sowie Ölschieferfetzen aus dem Wealden (festländische Unter-Kreide) als Abtragungsprodukte bei der Erosion der Ibbenbürener Scholle des Teutoburger Waldes.

 

Gestein
Ein Kalksandstein, der Altenberger Stein (auch Altenberger Schollenkalk). Der Name stammt von dem Bildhauer GERHARD GRÖNINGER (1582-1652) aus einem Liefervertrag von 1631. Weniger reichhaltige, nicht so verfestigte, etwa gleichalte Belemnitenlagen fand W. RIEGRAF 1986-2012 auch in Billerbeck, Münster-Gievenbeck, Everswinkel, Ennigerloh, Beckum und Ascheberg.

 

Der Begriff „Belemniten-Schlachtfeld“
Den Begriff „Belemniten-Schlachtfeld“, in der englischen Fachliteratur auch als "belemnite-battlefield" bekannt, prägte der württembergische Geologe FRIEDRICH AUGUST VON QUENSTEDT 1856, bezog ihn aber ursprünglich auf Fundstellen im dortigen Unter-Jura, wo Belemniten oft massenhaft aus dem Gestein herauswitterten und zerbrachen. Sie liegen dann auf dem „Gestein, das oft einem förmlichen Schlachtfeld gleicht“.

 

Der Kotzbrocken - ein „erbrochenes Sauriermahl“?
Die Altenberger Platte ist kein „erbrochenes Sauriermahl“, wie ein englischer Paläontologe recht unwissenschaftlich phantasierte. Sonst fände man Bißspuren auf den Rostren, zerbissene Rostren, Spuren der Magensäure oder die Fanghäkchen, wie im Unter-Jura von Südwestdeutschland und England: Belemniten-Reste als Mageninhalte eines Hais, von Ichthyosauriern und Plesiosauriern. Die kalmar-ähnlichen Belemniten starben auch nicht bei der Paarung, so wie alljährlich Kalmare in heutigen Ozeanen: Die Platte zeigt nämlich alle Altersstadien, nicht nur geschlechtsreife Tiere.

 

Die Entstehung des Belemniten-Schlachtfeldes
Die Entstehung des Altenberger Platte erfolgte anorganisch (tektonisch-sedimentär), nicht biologisch: Die Belemniten sind deutlich sichtbar von der Strömung eingeregelt. Hätte man bei der Bergung der Platte darauf die Nordrichtung markiert, wüsste man, woher die Strömung damals kam, vermutlich aus höher gelegenen Meeresgebieten im Nordwesten oder Norden: Hier ließ ein starkes Seebeben untermeerisch am Kontinentalabhang eine größere Scholle abbrechen. Deren unverfestigtes Sediment raste als Gemisch aus Schlamm und Wasser (= Trübestrom, Turbidit) ähnlich wie eine Schneelawine in die Tiefe. Das brachte zahlreichen Meereslebewesen den Tod. Auf dem Tiefseeboden setzten sich Schlamm, Organismenreste und die Bestandteile des erodierten Meeresbodens wieder ab – nach Form und Gewicht sortiert. Dabei wirkte die Schlammwolke wie ein Leichentuch und führte zu einer besonders gut erhaltenen Fossilansammlung. Und Fossiliensammler wissen so etwas zu schätzen. Solche Trübeströme sind in der westfälischen Ober-Kreide verbreitet und bei Geologen wohlbekannt.

 

Eiszeitlicher Transport
Die Saale-Eiszeit verfrachtete ein etwa 30 cm großes erodiertes Bruchstück der Belemniten-Ansammlung bis Münster-Amelsbüren (Privatsammlung HANNING).

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